Projekt "Die 10 Biotope für die Biodiversität der Kulturlandschaft"


 

Das Konzept

Das 10-Biotope-Konzept soll dazu beitragen, die biologische Vielfalt und damit den Blütenreichtum in unseren Kulturlandschaften effektiv zu steigern. Ausgangspunkt ist die potenzielle Vielfalt an anthropogenen Biotopen und Pflanzengesellschaften eines jeden beliebigen Raumes, also das, was dort durch unterschiedliche menschliche Tätigkeiten prinzipiell möglich ist. Bekanntlich ist ja die Biodiversität in einer naturnahen Kulturlandschaft weitaus größer als in der entsprechenden Naturlandschaft (bes. Wald), es kommt dabei jedoch auf die Nutzungsart dieser Kulturlandschaft an.

Innerhalb der Kulturlandschaft sind es dann wiederum bestimmte Biotope und Pflanzengesellschaften, die besonders arten- und blütenreich und reich an selten gewordenen Arten sind, zu nennen wäre in erster Linie artenreiches Grünland. Aber auch andere Biotope tragen massiv zur Steigerung der Biodiversität einer Kulturlandschaft bei, wie Säume und Kleingewässer.

Doch nur im absoluten Idealfall sind alle diese Pflanzengesellschaften tatsächlich vorhanden, heute mit Sicherheit nirgendwo mehr. Und doch wäre der Fokus auf diese Pflanzengesellschaften und damit auch auf die Lebensräume von Tieren unumgänglich notwendig, wenn die Vielfalt einer Region effektiv und nachhaltig gesteigert werden soll.

Das 10-Biotope-Konzept soll diesen Gedanken aufgreifen, die wichtigsten Biotope und Pflanzengesellschaften benennen und Wege aufzeigen, wie damit praktisch und produktiv – bis hinein in die soziale Verankerung – umgegangen werden kann. Für die leichte Verständlichkeit und praktische Handhabbarkeit ist es wichtig, dass man eine Übersicht über die Hauptkategorien hat, die leicht einprägsam sind. Es sollten also nicht zu viele Kategorien sein – zu wenige geht selbstverständlich auch nicht, da es sich ja um VIELfalt handelt – und auch die Anzahl selbst sollte eine besondere Zahl sein. So ergibt es sich sehr schön, wenn man den Fokus auf die wichtigsten Biotope und Pflanzengesellschaften richtet, dass man tatsächlich 10 dieser Biotope findet. Eine gute Zahl zum Merken!

Diese 10 Biotope sind so allgemein gefasst, dass sie überregional, praktisch bundesweit, verwendet werden können; für jeden Naturraum gibt es dann eine regionaltypische Spezifizierung bzw. Abwandlung. So kann für jeden beliebigen Ort der potenzielle botanische Inhalt eines jeden Biotoptyps ermittelt werden. Daraufhin können die Biotope „eingerichtet“ werden, wozu immer auch eine Einsaat der typischen Pflanzen gehört, da diese oft nicht mehr in der näheren Umgebung vorkommen und einwandern könnten. Dies kann durch Regio-Saatgut geschehen oder – besser noch – durch Saatgutübertragung (bzw. Sedimentübertragung bei Gewässern und Zwergbinsenfluren) aus der jeweiligen Region.

 

Die 10 Biotope

 

Lichtrasen

 

Blütenreiches schwachwüchsiges Grasland an steilen Böschungen und Hängen, auf flachgründigen Böden und anderen ertragsschwachen Standorten, auf denen sich eine intensive Landwirtschaft nicht lohnt. Vorteile: Blütenreich, insektenreich, Verwendung als „Stallapotheke“ für das Vieh.

 

Lichtsäume

 

Ausdauernde Staudensäume im Kontakt Gehölz-Offenland, entlang von Parzellengrenzen, an Weg- und Straßenrändern, auf Ackerrainen usw. Bevorzugt an sonnigen Orten. Vorteile: Blütenreich, insektenreich, sie sind ausdauernd und müssen nicht immer wieder neu eingesät werden. Die nachhaltige Alternative für die „Blühstreifen“.

 

Artenreiche Äcker

 

 

Äcker mit typischen einjährigen Ackerwildkräutern – dies sind keine Problemunkräuter (Wurzelunkräuter) wie Quecke, Schachtelhalm, Ackerwinde, Ampfer u.a.! Die „echten“ Ackerwildkräuter sind eher niedrig- und schwachwüchsig, aber blumenreich. Sie sind Nahrungsgrundlage einer Vielfalt an Insekten und Feldvögeln, auch „Nützlingen“, und können sogar den Ertrag steigern.

 

Hofsäume

 

Ausdauernde Staudensäume im engeren Hofbereich an Zäunen, Mauern und in ungenutzten Ecken. Gerne in Kontakt zu Stickstoffquellen wie Hühnerausläufen, Misthaufen, Gülleplätzen. Die Hofsäume enthalten sehr viele ehemalige verwilderte Heil-, Gewürz- und Gemüsepflanzen, die durch Säuberungsaktionen wie „Unser Dorf soll schöner werden“ großflächig vernichtet wurden und heute auf der Roten Liste stehen.

 

Mauern, Schotter, Kies

 

Trockenvegetation mit viel Mauerpfeffer und einjährigen Blütenpflanzen, z.B. auf Mauerkronen und Kiesdächern. Altes Gemäuer kann mit sehr vielen bunt blühenden heimischen Mauer-Stauden bepflanzt werden, z.B. Goldlack, Spornblume, Gelber Lerchensporn, Löwenmäulchen u.a., die für Bienen und weitere Insekten wichtig sind. Der für die Mauerkronen typische Weiße Mauerpfeffer ist beispielsweise die einzige Nahrungspflanze für die Raupe des seltenen Apollo-Falters – ohne Weißen Mauerpfeffer kein Apollo!

 

Artenreiche Wiesen

 

Dies sind mit die artenreichsten Biotope Mitteleuropas überhaupt, wenn sie extensiv bewirtschaftet werden. Sie spielen eine große Rolle für die Landschaftsästhetik und das Heimatgefühl („Kinderwiesen“), sind Lebensraum der meisten mitteleuropäischen Pflanzen- und Insektenarten und haben auch einen Vorteil für die Landwirtschaft: Artenreiche Mähwiesen sind das beste Mittel zur Förderung die Tiergesundheit.

 

Artenreiche Weiden

 

Weiden können artenreiche Biotope sein, wenn sie außerhalb der normalen Böden liegen, also auf mageren Standorten oder auf wechselfeuchten Böden. Im Unterschied zur Wiese ist die Pflanzenarten-Vielfalt auf den Weiden geringer, dafür die Tierarten-Vielfalt höher. Auch artenreiche Weiden liefern gesundes Tierfutter.

 

Feuchte Wegränder

 

Wenig bekannte und wenig gewürdigte Biotope mit teilweise extrem selten gewordenen Pflanzenarten der Zwergbinsenfluren, wie Kleines Tausendgüldenkraut, Liegendes Johanniskraut, Zwerglein, Fadenenzian, Zypergras. Sie benötigen volle Sonne, feuchte bis nasse Böden und die regelmäßige Störung durch Befahren oder Betreten, was immer wieder offene Bodenstellen als Keimbett schafft – denn die Zwergpflanzen sind einjährig und müssen jedes Jahr neu keimen können.

 

Blänken

 

Große flache Tümpel in voller Sonne, die im Sommer kurz austrocknen können. Lebensraum sehr vieler extrem selten gewordener Pflanzen- und Tierarten. Blänken liegen immer in offenen Wiesen-, Weide- oder Ackerlandschaften und werden am Ufer mit gemäht, beweidet oder sogar beackert, so dass sie nie zuwachsen können. Die damit ständig erhaltene Pioniersituation fördert den ausgeprägten Artenreichtum; hier können z.B. die seltenen Kreuzkröten oder Gelbbauchunken leben.

 

Teiche

 

Extensiv bewirtschaftete Teiche in lichtoffener Lage ohne viele Ufergehölze sind wichtiger Lebensraum einer großen Zahl von seltenen Tier- und Pflanzenarten. Die extensive Bewirtschaftung, vor allem ein winterliches Trockenlegen, ist Voraussetzung für den Artenreichtum. Teiche, die der natürlichen Entwicklung überlassen werden, werden durch Beschattung und Verschlammung sehr schnell artenarm!

 

Die Broschüre: "Die 10 Biotope - für die lebendige Vielfalt der Kulturlandschaft"

 

Eine Broschüre zu den 10 Biotopen ist inzwischen fertiggestellt. Sie dient als Praxisleitfaden für Anlage und Pflege und beschreibt auch die Hintergründe des Konzeptes. Autor*innen sind: Hans-Christoph Vahle (Leiter der Akademie für angewandte Vegetationskunde), Nadja Hildebrand (Leiterin der Bergischen Gartenarche) und für die Fauna Guido Weber (Büro weluga Umweltplanung, Bochum). Mit vielen Fotos und Aquarellen, Pflanzen- und Tier-Tabellen. 148 Seiten. Selbstverlag.

Preis: 25 €

 

 

Die Umsetzung

 

Praktisch umgesetzt wird das Konzept der 10 Biotope bereits an folgenden Orten:

Hof Sackern, Albringhauser Straße 22, 58300 Wetter

Dorfgemeinschaft Leveste, 30989 Gehrden

 

Literatur zum Thema

 

H.-Ch. Vahle (2020): Zehn Biotope für die lebendige Vielfalt der Kulturlandschaft. – Landwirtschaftliche Zeitschrift Rheinland 187 (23): 30-31. Bonn.

 

H.-Ch. Vahle (2020): 10 Biotope für die Biodiversität der Kulturlandschaft. – Schaudichum 7 (25): 20-23. Mainleus.

 

H.-Ch. Vahle, N. Hildebrand, G. Weber (2020): Die 10 Biotope für die lebendige Vielfalt der Kulturlandschaft. – Broschüre im Selbstverlag. Witten, 144 S.